#86 Als die Schöpfung nicht in Gang kommen wollte
#86 Als die Schöpfung nicht in Gang kommen wollte

#86 Als die Schöpfung nicht in Gang kommen wollte

Was wäre, wenn dein Leben längst einen Plan für dich hätte – zumindest in den Augen anderer?

Vielleicht kennst du das: Du hast eine Ausbildung gemacht, einen Beruf gewählt, eine Familie gegründet oder eine bestimmte Richtung eingeschlagen, weil es vernünftig erschien, weil es von dir erwartet wurde oder weil du selbst lange geglaubt hast, dass es eben so sein müsse. Und irgendwann taucht da diese leise Frage auf: Ist das wirklich mein Weg?

Genau an diesem Punkt beginnt die Geschichte der vier Kumaras, die ihren eigenen Weg gehen.

Die indische Mythologie erzählt von Brahma, dem Schöpfer, der am Anfang der kosmischen Schöpfung aus seinem Geist zahlreiche Wesen hervorbringt. Unter ihnen sind große Rishis, die als geistgeborene Söhne Brahmas die Aufgabe übernehmen sollen, die Schöpfung weiterzuführen. Sie werden zu Vätern von Linien und tragen dazu bei, dass sich das Leben über die Welten ausbreitet.

Doch dann erscheinen vier ganz besondere Söhne: Sanaka, Sanandana, Sanatana und Sanatkumara.

Die vier Kumaras sind ewig jung. Sie sehen aus wie Knaben, besitzen aber die Weisheit großer Weiser. Und sie haben einen anderen Wunsch als ihr Vater für sie vorgesehen hat. Brahma möchte, dass sie heiraten, Nachkommen zeugen und die Schöpfung weiterführen. Die vier jedoch entscheiden sich für einen eigenen Weg: Sie wollen sich ganz der Erkenntnis widmen und die höchste Wahrheit suchen.

Ihr Nein bringt Brahma zunächst in Rage – und aus seinem Zorn entsteht Rudra. Doch die Kumaras bleiben ihrem Entschluss treu. Sie werden zu Wanderern, Suchenden und Lehrern und verkörpern einen Weg, der nicht nach außen in die Welt führt, sondern nach innen.

Gerade dieser Gegensatz macht ihre Geschichte für mich so spannend: Die einen helfen, die Welt zu erschaffen. Die anderen wollen sie verstehen.

Dabei geht es nicht darum, dass der eine Weg besser wäre als der andere. Die Rishis, die Familien gründen, erfüllen ebenso ihren Dharma wie die Kumaras, die sich der Erkenntnis widmen. Vielleicht liegt genau darin eine der schönsten Botschaften dieser Geschichte: Dharma bedeutet nicht, das Leben eines anderen zu kopieren. Es bedeutet, den eigenen Weg zu erkennen.

Auch ich erzähle die alten Geschichten aus den Puranas und dem Mahabharata auf meine eigene Weise. Sie sind die Grundlage, aber meine Erzählungen sind keine wortgetreuen Übersetzungen. Ich verbinde die überlieferten Geschichten mit meiner Sprache, meinen Bildern und manchmal auch mit ein wenig künstlerischer Freiheit.

Denn vielleicht gehört auch das dazu: Eine Geschichte zu übernehmen, sie zu ehren – und sie trotzdem auf die eigene Art weiterzuerzählen.

Und vielleicht dürfen wir uns von den vier ewigen Knaben daran erinnern lassen, dass ein Nein manchmal kein Nein zum Leben ist.

Sondern ein Ja zum eigenen Weg.

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