Es gibt diese leisen Gestalten in der Mythologie.
Keine Donnerkeile. Keine flammenden Reden. Kein dramatischer Abgang in einer Wolke aus göttlichem Glanz.
Und doch erschüttern sie ganze Weltbilder.
Sulabhā war so eine Gestalt.
Sie war eine wandernde Asketin — eine Sannyāsin. Unverheiratet. Ungebunden. Philosophisch gebildet in Vedānta und Sāṁkhya. In den alten Texten wird sie als jñānin bezeichnet — als eine, die Selbsterkenntnis nicht nur studiert, sondern verwirklicht hat.
Und das ist bemerkenswert. Nicht, weil sie eine Frau war.
Sondern weil es ihr vollkommen gleichgültig war.
Freiheit, die nichts beweisen muss
Sulabhā lebte außerhalb gesellschaftlicher Rollen — nicht aus Protest. Nicht aus Trotz. Sondern aus Klarheit. Wer weiß, wer er ist, braucht keine Beschreibung mehr.
Als sie vom Ruhm König Janakas von Mithilā hört — eines Herrschers, der als jīvanmukta gilt, als „befreit zu Lebzeiten“ — beschließt sie, ihn aufzusuchen.
Man stelle sich das vor: Ein König, anerkannt als spirituell verwirklicht. Und eine wandernde Philosophin, die beschließt, einmal nachzufühlen, wie stabil diese Freiheit wirklich ist.
Nicht aus Überheblichkeit.
Sondern aus Redlichkeit.
Was dann geschieht, ist kein theatralischer Wettstreit.
Es ist feiner. Präziser. Fast chirurgisch.
Sulabhā begegnet Janaka nicht auf körperlicher Ebene, sondern geistig. Sie berührt nicht seinen Thron — sondern sein Selbstverständnis.
Und plötzlich wird es interessant.
Denn selbst ein König, der als frei gilt, kann sich noch angegriffen fühlen.
Und wer sich angegriffen fühlt, hält noch etwas fest.
Die Überlieferung erzählt von einem Dialog, der bis heute zu den klarsten philosophischen Auseinandersetzungen über Identität zählt. Ein Dialog über Geschlecht. Und über Freiheit. Über das „Ich“, das wir so eifrig verteidigen.
Sulabhā argumentiert nicht kämpferisch.
Sie demontiert freundlich.
Sie erinnert daran, dass das Selbst kein Geschlecht kennt. Dass Rollen Konstruktionen sind. Und dass wahre Freiheit sich nicht bedroht fühlt.
Und dann?
Dann bleibt sie nicht.
Sie gründet keine Schule, sammelt keine Schüler, und schreibt kein Manifest.
Sulabha geht weiter.
Vielleicht liegt genau darin ihre Größe:
Eine spirituelle Autorität, die nichts besitzen will — nicht einmal Bedeutung.
Für uns heute stellt sich eine leise, aber unbequeme Frage:
Wo verteidigen wir noch eine Identität, die wir längst überwunden glauben?
Wo hängen wir an der Rolle der „Bewussten“, der „Spirituellen“, der „Lehrerin“, der „Erwachten“?
Und könnten wir — nur einen Atemzug lang — erfahren, wie es wäre, nichts davon zu brauchen?
Sulabhā lädt nicht zum Kampf ein.
Sie lädt zur Klarheit ein.
Und Klarheit, so wissen wir aus der Praxis, ist manchmal radikaler als jede Revolution.