#72 Warum nichts geschieht, solange die Zeit noch nicht reif ist
#72 Warum nichts geschieht, solange die Zeit noch nicht reif ist

#72 Warum nichts geschieht, solange die Zeit noch nicht reif ist

Shiva und Parvati

Es gibt Phasen im Leben, die sich paradox anfühlen. Wir haben gelernt, reflektiert, gearbeitet, gewartet – und trotzdem bewegt sich nichts. Keine Entscheidung fällt, keine Beziehung nimmt Form an, kein nächster Schritt zeigt sich. In einer Welt, die auf Effizienz und Tempo getaktet ist, wirkt dieses Stillstehen wie ein Fehler. Wie ein Versäumnis. Oder schlimmer noch: wie persönliches Scheitern.

Die indische Mythologie kennt diesen Zustand gut. Und sie bewertet ihn anders.

Eine der eindrücklichsten Geschichten dazu ist die Liebesgeschichte von Shiva und Parvati. Nicht, weil sie romantisch im klassischen Sinne wäre – sondern weil sie radikal ehrlich ist. Sie erzählt nicht von Verliebtheit auf den ersten Blick oder von Schicksal, das sich sofort erfüllt. Sie erzählt von Reife. Und davon, dass Reife sich nicht erzwingen lässt.

Innere Wahrheit

Parvati weiß früh, was sie will. Nicht vieles, nicht alles – sondern eines. Shiva. Nicht als Projekt, nicht als Trophäe, nicht als romantische Fantasie. Sondern als innere Wahrheit. Doch Shiva ist nicht verfügbar. Er lebt in Meditation, jenseits von Zeit, jenseits von Beziehung, jenseits gesellschaftlicher Erwartungen. Er ist vollständig – und genau deshalb nicht erreichbar.

Was diese Geschichte so modern macht, ist Parvatis Umgang mit dieser Situation. Sie wartet – aber nicht passiv. Sie hofft nicht mit angehaltenem Atem und sie versucht nicht, Shiva zu überzeugen. Ihr Warten wird Praxis. Tapas. Sammlung, Disziplin, innere Hitze. Nicht, um den anderen zu verändern, sondern um sich selbst zu klären.

Tapas

Diese Haltung widerspricht vielem, was wir heute über Beziehungen gelernt haben. Wir sind geübt darin, Signale zu deuten, Prozesse zu beschleunigen, Klarheit einzufordern. Wir handeln schnell – oft aus Angst, etwas zu verpassen. Doch die Mythologie stellt eine unbequeme Frage:
Ist etwas wirklich reif – oder nur dringend?

In der Geschichte versuchen andere, den Prozess abzukürzen. Aus guter Absicht, aus Ungeduld, aus dem Wunsch nach Ordnung. Sie greifen ein – und scheitern. Nicht, weil Liebe falsch wäre, sondern weil Timing nicht respektiert wurde. Liebe, so lehrt uns dieser Mythos, lässt sich nicht auslösen wie ein Reflex. Sie braucht Einladung. Und Reife.

Paripakva Reife

Besonders berührend ist, dass Parvati irgendwann aufhört, etwas erreichen zu wollen. Nicht aus Resignation, sondern aus Vollständigkeit. Ihr Warten wird Gegenwart. Und genau darin liegt die Wendung der Geschichte – ohne dass man sie herbeiführen könnte.

Diese Erzählung wirkt bis heute nach, weil sie unserem Zeitgeist widerspricht. Sie sagt:
Nicht alles, was sich richtig anfühlt, ist schon bereit.
Nicht alles, was Liebe enthält, kann sofort gelebt werden.
Und nicht alles, was stillsteht, ist falsch.

Yoga nennt den Zustand, um den es hier geht, Paripakva – Reife. Nicht als intellektuelle Vorbereitung, sondern als Durchdrungensein. Als innere Stimmigkeit. Der richtige Zeitpunkt ist kein Kalenderdatum. Er ist ein Zustand.

Vielleicht ist das eine der größten Zumutungen – und zugleich eine der größten Entlastungen dieser Geschichte:
Dass wir nicht schneller werden müssen.
Sondern stiller.
Und dass manchmal genau dann etwas geschieht, wenn wir aufgehört haben, daran zu ziehen.

Oder, um es yogisch zu sagen:
Werde der Mensch, der es tragen kann.

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