Es gibt Mythen, die laut sind.
Voller Kämpfe, Siege, göttlicher Interventionen.
Und es gibt Geschichten, die fast übersehen werden – weil ihre Kraft leise ist.
Die Geschichte von Kurma, der Schildkröte, gehört zu diesen leisen Mythen.
Als die Götter ihre Kraft verlieren, als selbst das Gefüge der Welt zu schwanken beginnt, wissen sie: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Ordnung ist kein Besitz. Sie muss immer wieder erneuert werden.
Das Amrita, der Nektar der Unsterblichkeit, könnte sie retten. Doch er liegt verborgen im Milchozean – einem formlosen Urraum, der sich nicht zwingen lässt.
Also schließen Götter und Dämonen einen Pakt. Gegensätze arbeiten zusammen. Der Weltenberg Mandara wird zum Quirl, die Schlange Vasuki zum Seil. Bewegung entsteht. Kraft. Spannung. Wille.
Und doch scheitert alles beinahe.
Der Berg sinkt.
Nicht, weil zu wenig getan wird – sondern weil etwas Entscheidendes fehlt: ein tragender Grund.
Erst als Vishnu als Kurma, als Schildkröte, erscheint, kommt Ruhe in das Geschehen.
Er hebt den Berg nicht an.
Er hält ihn nicht fest.
Er ist einfach da.
Sein Rücken bietet Halt – unbeweglich, still, zuverlässig.
Und plötzlich kann der Prozess weitergehen. Aus der Tiefe steigen Wunder und Gaben auf, aber auch Gift, Chaos und Zerstörung. Schöpfung zeigt sich in ihrer ganzen Ambivalenz.
Kurma bleibt unbeachtet. Kein Lob erreicht ihn. Keine Hymne wird ihm gesungen. Und doch wäre ohne ihn nichts entstanden.
Gerade darin liegt seine Bedeutung.
Kurma steht für jene Phasen in unserem Leben, in denen nicht Aktion gefragt ist, sondern Präsenz.
Nicht Eingreifen, sondern Standhalten.
Nicht Beschleunigung, sondern Verlässlichkeit.
Vielleicht ist Kurma der Archetyp des inneren Winters.
Nicht als Stillstand – sondern als tragender Raum.
Als Rücken, auf dem sich etwas Neues ordnen darf, bevor es Form annimmt.
Und vielleicht erinnert uns diese Geschichte daran, dass das, was wirklich trägt, oft unsichtbar bleibt –
aber unverzichtbar ist.
Ich danke dir von Herzen fürs Zuhören, fürs Dasein, fürs Mitgehen auf diesem Weg zwischen Mythos, Körper und innerem Erleben. Wenn die Fragen, Feedback oder Fabeln für für mich hast, freue ich mich, von dir zu hören. Am besten kannst du diesen Podcast unterstützen, indem du eine positive Bewertung abgibst, einen Kommentar, oder den Podcast weiterempfiehlst.