#71 Indra und die Kunst des Wartens – Wenn Antworten nicht mehr eilig sind
#71 Indra und die Kunst des Wartens – Wenn Antworten nicht mehr eilig sind

#71 Indra und die Kunst des Wartens – Wenn Antworten nicht mehr eilig sind

Es gibt Lebensphasen, in denen wir handeln müssen. Und es gibt jene, in denen genau dieses Handeln uns nicht mehr weiterträgt. Die Geschichte von Indra erzählt von diesem Übergang – vom Tun zum Lauschen, vom Beweis zur Beziehung.

Indra, Herrscher der Devas, war kein Gott der leisen Töne. Blitz und Donner begleiteten seinen Namen, Siege formten seine Identität. Er war der, der eingriff, entschied, ordnete. Einer, der wusste, wer er war – solange er gebraucht wurde. Und doch begann etwas in ihm zu bröckeln. Nicht laut, nicht dramatisch. Sondern in Form einer Frage, die sich nicht mehr vertreiben ließ: Wer bin ich, wenn ich nichts tue?

Diese Frage führte ihn zu Prajapati, dem Schöpfer. Und dort geschah etwas, das für Indra kaum auszuhalten war. Keine Lehre. Kein Kampf. Kein Ritual. Nur ein einziges Wort: Wartet.
Ein Tag. Ein Jahr. Zehn. Zweiunddreißig.

Für Indra war dieses Warten ein innerer Umsturz. Sein Körper wollte handeln, sein Geist argumentieren, sein Stolz glänzen. Doch nichts davon fand ein Ziel. Mit jedem Jahr des Schweigens fiel etwas von ihm ab: der Drang, schnell zu verstehen, der Wunsch nach klaren Antworten, die Lust, recht zu haben. Nicht seine Kraft verließ ihn – sondern seine Hast.

Die Kunst des Wartens

Andere hielten das Warten nicht aus. Sie nahmen einfache Antworten und gingen. Erklärungen, die tröstlich waren, klar, zufriedenstellend. Indra hingegen blieb. Immer wieder. Und jedes Mal, wenn er hätte gehen können, spürte er: Noch nicht.
Nicht, weil er wusste, wonach er suchte. Sondern weil er merkte, dass etwas in ihm noch zu laut war, um hören zu können.

So wurde er leiser. Nicht schwächer – durchlässiger. Seine Fragen verloren ihre Schärfe, ohne an Tiefe zu verlieren. Irgendwann kam er nicht mehr mit Forderungen, sondern mit Bereitschaft. Und irgendwann auch ohne Erwartung.

Was Prajapati ihm schließlich sagte, bleibt in den alten Texten bewusst offen. Kein Satz, den man sich merken könnte. Keine Wahrheit, die man weiterreichen kann wie ein Werkzeug. Vielleicht war es weniger eine Antwort als ein Raum, der sich öffnete. Vielleicht war es gar kein Wissen, sondern ein Erinnern.

Diese Geschichte berührt uns, weil sie auch von unserer Praxis erzählt. Viele von uns beginnen im Yoga wie Indra: ehrgeizig, willensstark, formend. Wir üben Haltungen, sammeln Erfahrung, bauen Identität auf. Und irgendwann – oft leise – verändert sich etwas. Die Praxis wird langsamer. Weniger sichtbar. Fragen tauchen auf, die sich nicht mehr lösen lassen.

Vielleicht ist Yoga dann nicht mehr der Ort, an dem wir uns beweisen. Sondern der Raum, in dem wir bleiben lernen. Ohne sofortige Antwort. Ohne Abschluss.
Wach. Präsenzvoll.
Und bereit zu warten, falls genau das jetzt die eigentliche Praxis ist.

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